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Stillgelegte Baustellen als Spiegel einer Marktkrise


Foto „Stopp, klein“: Ausgebremste Wohnbauprojekte versinnbildlichen die Malaise, mit der der Markt hierzulande kämpft.
Credit: Unsplash


Die Häufung gestrandeter Wohnbauprojekte wurde zunächst vielfach nicht als problematisch eingestuft. Das hat sich geändert. 



Stillgelegte, marodierende Baustellen sind mehr als ein sichtbares Zeichen wirtschaftlicher Turbulenzen. Denn hinter unfertigen Rohbauten oder Projekten, die in einem früheren Stadium stocken, stehen häufig komplexe Verflechtungen aus Finanzierung, Planung, Baurecht, Eigentumsfragen sowie wirtschaftlichen Erwartungen. Was zunächst wie Ausnahmen von der Regel wirkte, entwickelte sich mittlerweile zu einem strukturellen Thema. Gestrandete Wohnbauprojekte spiegeln die tiefgreifenden Veränderungen des rot-weiß-roten Immobilienmarkts wider. Valide Daten über das Ausmaß der Tragödie liegen im Übrigen (noch) nicht vor.

Doch wie konnte es so weit kommen? Die abrupte Zinswende anno 2022 brachte selbst erfahrene Marktteilnehmer unter Druck. Zusätzliche Belastungen wie steigende Baukosten und geopolitische Krisen spitzten die Lage zu. Für Developer, Banken und Investoren bedeutet das, dass die Rahmenbedingungen, unter denen etliche Wohnbauprojekte geplant wurden, sich verflüchtigten. Darüber hinaus sorgen die komplexen regulatorischen Rahmenbedingungen und eine verhaltene Nachfrage für Verhaltenheit.



Stichwort: Unsicherheit 

Ein zentraler Faktor ist jedenfalls die Unsicherheit, die somit wie ein Damoklesschwert über dem Markt schwebt. Wer nicht einschätzen kann, wie sich die Situation entwickelt, hält sich mit Investitionen zurück. Genau diese Zurückhaltung streut noch mehr Salz in die Wunde.

In der Folge geraten Projekte, die ursprünglich wirtschaftlich tragfähig erschienen, wie erwähnt zunehmend in Not. Manche werden zunächst durch zusätzliche Finanzierungen weitergeführt. Doch irgendwann sind Kreditrahmen ausgeschöpft und Eigenmittel fehlen. Spätestens dann müssen Bankinstitute (mit-)entscheiden, wie zu verfahren ist. Mittlerweile verfügen zahlreiche Banken über eigene Strukturen für die Bearbeitung solcher Fälle. Und es gibt gewerbliche Bauträger, die sich auf die Sanierung entsprechender Projekte spezialisierten. Sie arbeiten Hand in Hand.

Jedenfalls bedeutet ein gestrandetes Projekt nicht automatisch dessen Ende. Häufig liegt das Problem nicht in der grundsätzlichen Qualität der Immobilie, sondern in der veränderten wirtschaftlichen Ausgangslage. Entscheidend ist daher eine umfassende Analyse: Was ist technisch noch möglich? Wie sieht die rechtliche Situation aus? Welche Kosten entstehen bis zur Fertigstellung? Und welcher Wert kann am Markt erzielt werden?


Frühzeitig handeln

Genau hier setzen Sanierungsansätze an. Die Aufgabe besteht darin, Transparenz zu schaffen, die Ausgangslage strukturiert zu bewerten und daraus Handlungsoptionen für die Bank abzuleiten. Besonders kritisch sind Projekte, die sich bereits in fortgeschrittenem Rohbaustadium befinden, aber keinen ausreichenden Witterungsschutz aufweisen. Jeder weitere Stillstand kann zu Substanzverlust führen und die späteren Sanierungskosten in die Höhe treiben. Zusätzlich zeigt sich, dass ältere Projekte bautechnisch nicht immer den heutigen Anforderungen entsprechen. In manchen Fällen sind Rückbauten erforderlich, weil Normen nicht eingehalten wurden. Besonders anspruchsvoll wird die Situation, wenn mehrere Probleme aufeinanderprallen: technische Mängel, rechtliche Unsicherheiten, ausgelaufene Finanzierungen, bereits verkaufte Einheiten oder laufende Verfahren. Dann müssen Banken, Käufer, Behörden, Treuhänder und weitere Beteiligte gemeinsam Lösungen finden. 



Es menschelt 

Ein wesentlicher Punkt bei notleidenden Projekten ist der Zeitpunkt des Eingreifens. Rechtliche Schritte beginnen nicht erst mit einer Insolvenz. Oft registriert eine Bank vorher, dass ein Projekt in Schwierigkeiten steckt. Etwa, wenn Zinszahlungen nicht mehr geleistet werden können. Eine frühzeitige Sanierung bietet meist mehr Handlungsoptionen als ein bereits eröffnetes Insolvenzverfahren. Eine baldige Beratung durch Experten kann Bauträgern helfen, technische, wirtschaftliche sowie rechtliche Fragen gemeinsam zu bewerten und zu beantworten. Kommt es zu einem Insolvenzverfahren, besteht unter bestimmten Voraussetzungen weiterhin die Möglichkeit, das Projekt über eine Auffanggesellschaft zu übernehmen und fertigzustellen. Dabei müssen zahlreiche Fragen geklärt werden: Wie ist der Zustand der Immobilie? Gibt es eine gültige Baugenehmigung? Entspricht das bisher Gebaute dem Konsens? Welche wirtschaftlichen Perspektiven bestehen?

Generell spielt die rechtliche Struktur eine zentrale Rolle. Eine Möglichkeit ist eine Treuhandlösung, bei der neue Verantwortlichkeiten geschaffen werden, um ein Wohnbauprojekt unter geänderter Führung zu finalisieren. In der Praxis hängt vieles von der Bereitschaft der Beteiligten zur Zusammenarbeit ab. Es menschelt also. Bisherige Entscheidungsträger akzeptieren oft nur schwer, die Kontrolle abzugeben. Gerade wenn ein Projekt emotional oder wirtschaftlich stark mit der eigenen Tätigkeit verbunden ist, kann die Übergabe diffizil werden.



Fazit
Die aktuelle Marktlage führt vor Augen, wie matchentscheidend realistische Einschätzungen von Wohnbauprojekten wurden. Rahmenbedingungen können sich verändern, Finanzierungen unter Druck geraten und ursprüngliche Kalkulationen ihre Gültigkeit verlieren. Und so passierte es bekanntlich tatsächlich – mit den zahlreichen „Gestrandeten“ als Konsequenz.

Ziel jeder Sanierung ist es, sie wieder ihrer vorgesehenen Nutzung zuzuführen. Schließlich gilt es, in Österreich dringend benötigten Wohnraum zu schaffen. Das geht auf diesem Weg schneller und ressourcenschonender als bei neu aus dem Boden zu stampfenden Projekten. Tatsächlich wird ein großer Teil der „Gestrandeten“ wieder in Bewegung gebracht. Das Manöver zurück in den Nutzungskreislauf beginnt mit einer realistischen Bestandsaufnahme sowie mit dem rechtzeitigen Erkennen der richtigen Handlungsoptionen.




Zur Autorin

Claudia Aigner ist Chefredakteurin der „Österreichischen Immobilien Zeitung“ (OIZ). Seit 1998 ist die gebürtige Oberösterreicherin im Fachjournalismus tätig; konkret für Magazine im Bereich Werbung, Tourismus, Telekommunikation sowie Industrie. Nach einem „Abstecher“, der sie in die PR führte, bereitet sie seit elf Jahren Immobilienthemen – quer durch alle Assetklassen – redaktionell auf.